Vom Aufbruch zu neuen Ufern

Baselitz, Beuys, Kiefer, Polke, Richter, Trockel - das sind Namen, die jedem Kunstinteressierten geläufig sind. Aber wer kennt die Generation davor? Welche Bilder, welche Namen verbindet man heute mit der Kunst der frühen Bundesrepublik? Wohin bewegte sie sich? Wer waren ihre führenden Köpfe? Und wer hat heute noch eine Vorstellung von dem Gefühl grenzenloser Freiheit, das die Künstler nach den bleiernen, repressiven Jahren der NS-Zeit in eine geradezu euphorische Schaffens-und Experimentierlust versetzte?
Vieles davon ist in Vergessenheit geraten. Unsere aktuelle Ausstellung will den Schleier über einer zu Unrecht vernachlässigten Phase der deutschen Kunst lüften und präsentiert:

wirtschaftswunderavantgarde

Informel & Abstraktion der Nachkriegsjahre



Bernard Schultze B. S. Komposition. 27/3/51  

Die Ausstellung wirft einen Blick auf eine Zeit, in der Welten aufeinanderprallten. Auf der einen Seite die sehr materiell orientierte, brave Konsumgesellschaft der 50er und frühen 60er Jahre, mit Gelsenkirchener Barock und Autos mit Hutablage, und auf der anderen Seite die aufsässige, verstörende abstrakte Kunst. Der Fokus der Ausstellung liegt auf dem Informel, der Hauptströmung der Wirtschaftswunder-avantgarde. Sie experimentierte mit der völligen Auflösung jeglicher formaler Verankerung, war gegenstandslos, formlos, kompromisslos. Der spontane Prozess des Malens als Akt der Befreiung von allen Zwängen war wichtiger als das Bild, das dabei entstand. Die auf Leinwand oder Papier gebannten, impulsiven Farberuptionen sind Schätze, die es noch zu entdecken gilt.
In der Ausstellung sind neben informeller Kunst von Hubert Berke, Rolf Cavael, Wilhelm Imkamp, Bernard Schultze und Hann Trier auch „konventionellere“ geometrische Abstraktionen von Walter Dexel, Adolf Fleischmann und Petra Petitpierre zu sehen. Verborgene Perlen mit hohem Wertsteigerungspotential für Sammler - und ein visuelles Abenteuer für alle.
 

Hubert Berke Ohne Titel
 

20/21 Modern & Contemporary Art,
München-Bogenhausen, Friedrich-Herschel-Str. 13
Eröffnung: 15.05.2015 18 Uhr
Ausstellungsdauer: 15. Mai bis 30. Juni 2015
Öffnungszeiten: Fr. 15 – 18 Uhr, Sa. 11 – 14 Uhr
und jederzeit nach telefonischer Vereinbarung
089 / 27 8173 72 oder Mobil 0173 / 373 06 03

Petra Petitpierre Composition divisés

Wenn Sie sich schon jetzt auf die Ausstellung einstimmen möchten (oder nicht persönlich kommen können), empfehlen wir Ihnen als Hinführung den Einleitungstext aus unserem Ausstellungskatalog: „Die Freiheitsbewegung. Informel, Abstraktion und der Geist des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg“. Sie können ihn gleich hier lesen:  Download Einführung. Download Katalog ab 15.05.2015

Avantgardistische Kunst stößt, wie alles Neue, in der Regel erst einmal auf Ablehnung. Das mussten die abstrakten Künstler im Deutschland der Nachkriegsjahre bitter erfahren. Die erste große Avantgarde-Ausstellung nach der NS-Zeit - „Extreme Malerei“ 1947 im Augsburger Schaezler-Palais - wurde von einem Zeitungskritiker dahingehend kommentiert, die Besucher seien „sichtlich arme Irre“, denn sie seien von weither gekommen, nur um Bilder anzusehen, die „nämlich zum großen Teil abstrakt sind“.

In den Augen des Kritikers ein offensichtlicher Beweis des Wahnsinns. Selbst im April 1951, immerhin sechs Jahre nach dem Ende des NS-Regimes mit seinem Verbot „entarteter Kunst“, stieß abstrakte Malerei immer noch auf brachiale Ablehnung. Der Mainzer Oberbürgermeister verbot eine geplante Ausstellung mit Werken von Hubert Berke in der Städtischen Gemäldegalerie. Abstrakte Malerei widerspräche dem „gesunden Kunstempfinden des Mainzer Publikums“. Der kunstsinnige OB sinnierte öffentlich darüber, in der städtischen Galerie einen Filter einzubauen. Einen Raum mit abstrakten Bildern könne man ja durch eine Sperrwand abtrennen, mit einem Guckloch darin, durch das die Zuschauer die „Schmierereien“ betrachten könnten.

Wie diese zwei Beispiele zeigen, hat Avantgarde-Kunst fast immer eine politische Dimension. Auch Kunst, die gar nicht explizit politisch sein will, wird politisch, wenn die Politik oder die gesellschaftliche Mehrheit auf diese Kunst reagiert, indem sie Berufsverbote für Künstler ausspricht, Ausstellungen behindert oder verbietet, Kunstwerke diffamiert oder zerstört, Künstler verfolgt oder gar tötet. Da muss man wachsam sein, denn der Übergang von der Abgrenzung zur Ausgrenzung kann sehr schnell geschehen, immer legitimiert durch Traditionalismus, Chauvinismus oder das „gesunde Volksempfinden“ - und vor allem durch die Mehrheit im Rücken.

Avantgardekunst ist nicht mehrheitsfähig. (Wenn sie es ist, ist es keine Avantgarde.) Die Avantgarde ist ein Bruch mit dem Alten, eine Vorhut des Neuen, und als solche zumeist ein wirrer und verwirrter Haufen, der selbst nicht so richtig weiß, wohin die Reise geht und sich seine Pfade erst durch Versuch und Irrtum freitreten muss. Das weckt den Neid oder den Zorn der großen Mehrheit, die eben nicht Vorhut sondern Tross ist. Die auch gar nicht Vorhut sein will. Die nicht zu neuen Ufern aufbrechen will, sondern es sich lieber in den vorgegebenen Grenzen gemütlich machen will - und sich dafür von den selbstbewussten (oft auch selbstgefälligen) Avantgardisten als Spießer beschimpfen lassen muss.

Avantgardekunst ist immer eine Nagelprobe für die Toleranz einer Gesellschaft. Und es ist auch immer eine Nagelprobe für das Gewissen eines Künstlers. Soll er sich von der Mehrheit kleinkriegen lassen? Soll er bereuen und vom Ketzer zum braven Schaf werden? Soll er standhalten, laut und aktiv oder still und passiv? Soll er seinen Prinzipien treu bleiben - das heißt in der Regel: leiden - oder soll er für ein angenehmeres Leben die Seiten wechseln, sich dem Markt unterwerfen oder gar ein regimetreuer Staatskünstler werden?

 

Poster zur Ausstellung „Entartete Kunst“ in Berlin, 1938



Die vielleicht berührendste Antwort darauf hat Paul Klee gegeben. Als man ihm 1933 in einem Hetzartikel in einem NSDAP-Organ Geschmacksverbildung und Seelenvergiftung vorwarf und ihn als „typischen galizischen Juden“ beschimpfte, schrieb er an seine Frau: „Wenn es auch wahr wäre, dass ich Jude bin und aus Galizien stammte, so würde dadurch an dem Wert meiner Person und meiner Leistung nicht ein Jota geändert. Diesen meinen persönlichen Standpunkt, der meint, dass ein Jude und ein Ausländer an sich nicht minderwertiger ist als ein Deutscher oder Inländer, darf ich von mir aus nicht verlassen, weil ich sonst ein komisches Denkmal für immer setze. Lieber nehme ich Ungemach auf mich, als dass ich die tragikomische Figur eines sich um die Gunst der Machthaber Bemühenden darstelle.“

Oh, hätten nur mehr Menschen damals so klar und hellsichtig gedacht. Klee verkaufte sich und seine Werte nicht. Wenige Wochen später wurde er als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie entlassen. Er verabschiedete sich von seiner Arbeitsgruppe mit den Worten: „Es riecht in Europa bedenklich nach Leichen.“ Noch 1933 ging er zurück in die Schweiz. Er hatte seine Entscheidung getroffen.

Jetzt mit direkten Links zu den Museumsseiten. Einfach anklicken für mehr Infos: Ausstellungskonzept, Bildbeispiele, Öffnungszeiten.

Amsterdam, Stedelijk Museum
Die Oase von Matisse
Bis 16. August 2015
Link

Basel, Fondation Beyeler
Paul Gauguin
Bis 28. Juni 2015
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Berlin, Martin Gropius Bau
ZERO - Die internationale Kunstbewegung der 1950er
und 60er Jahre

Bis 8. Juni 2015
Link

Bernried, Buchheim-Museum
Expressionismus2 – Die Sammlungen Buchheim
+ Nannen

Bis 5. Juli 2015
Link

Bremen, Kunsthalle
Emile Bernard – Am Puls der Moderne
Pariser Propheten der Moderne - Grafik der Nabis
Bis 31. Mai 2015
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Den Haag, Gemeentemuseum
Anton Corbijn – Hollands Deep
Bis 21. Juni 2015
Link

Frankfurt, Städel Museum
Monet und die Geburt des Impressionismus
Bis 21. Juni 2015
Link

Hamburg, Kunsthalle
Verzauberte Zeit – Cézanne,
van Gogh, Bonnard, Manguin

Bis 16. August 2015
Link

Herford, Marta
(un)möglich! –
Künstler als Architekten

Bis 31. Mai 2015
Link

Kochel am See, Franz Marc
Museum
Schöne Aussichten –
Der Blaue Reiter und der
Impressionismus

Bis 19. Juli 2015
Link

Köln, Museum Ludwig
Alibis:
Sigmar Polke – Retrospektive

Bis 5. Juli 2015
Link
 
Leipzig, Museum der bildenden Künste
Paul Klee – Sonderklasse, unverkäuflich
Bis 25. Mai 2015
Link

London, Tate Modern
Sonia Delaunay
Bis 9. August 2015
Link

München, Lenbachhaus
Menschliches, Allzumenschliches – Die Neue Sachlichkeit im Lenbachhaus
Bis 31. Dezember 2015
Link

München, Pinakothek der Moderne und Sammlung Brandhorst
Creating Realities – Begegnungen zwischen Kunst und Kino
Bis 31. Mai 2015
Link

München, Sammlung Goetz
Cindy Sherman
Bis 18. Juli 2015
Link

Neukirchen, Nolde-Stiftung Seebüll
Emil Nolde – Die Kunst selbst ist meine Sprache
Bis 30. November 2015
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Paris, Musée d‘Orsay
Dolce Vita?
Dekorative Kunst in Italien zwischen 1900 – 1940. Vom Liberty- Stil zum Industriedesign

Bis 13. September 2015
Link

Paris, Musée du quai Branly
Les Maîtres de la sculpture de Côte d‘Ivoire
Bis 26. Juli 2015
Link

Weil am Rhein, Vitra Design Museum
Architektur der Unabhängigkeit - Afrikanische Moderne
Bis 31. Mai 2015
Link
 
Rückblick

An dieser Stelle möchten wir Sie noch auf einige höchst empfehlenswerte Ausstellungen hinweisen, die vor kurzem abgelaufen sind. In den meisten Fällen gibt es jedoch noch lieferbare Ausstellungskataloge bzw. Ausstellungsbroschüren zum Download.

Bis 12. April präsentierte Daimler Contemporary in Berlin
Willi Baumeister und die euro­päische Moderne 1920 – 1950
Die sehr gute Ausstellungs-broschüre können Sie
hier downloaden.

Ein Panorama französischer Zeichenkunst zeigte bis 3. Mai die Albertina in Wien:
Degas, Cézanne, Seurat – Das Archiv der Träume aus dem Musée d‘Orsay
Im Ausstellungskatalog „Archiv
der Träume - Meisterwerke aus dem Musée d‘Orsay“ (ISBN 978-3944874173, Sieveking Verlag) kommentieren rund 100 zeit­genössische Künstler einzelne Werke aus der Schau. Sehr anregend.

Bis 26. April präsentierte die Galerie Beck & Eggeling in Düsseldorf eine Auswahl aus der späteren Schaffensperiode eines führenden deutschen Informel-Künstlers
Gerhard Hoehme: Relationen - Werke von 1964 – 1986
Die Begleitpublikation zur Ausstellung (ISBN 3-930919-98-4) erhalten Sie hier.

Ein visuelles Abenteuer war die Ausstellung im Wolfsburger Kunstmuseum (bis 6. April)
RealSurreal – Meisterwerke der Avantgarde-Fotografie. Das Neue Sehen 1920 – 1950
Den Katalog dazu (ISBN 978-3-86832-233-0) erhalten Sie hier.

Das Katalogbuch zur Ausstellung von Rosemarie Trockel
im Kunsthaus Bregenz (bis 6. April 2015) können Sie hier bestellen.

Einen Blick auf das umfangreiche Werk Günther Ueckers warf bis 10. Mai im Düsseldorfer K20 die schlicht betitelte Ausstellung
Uecker
Dazu gab es eine neue Ausgabe der „Uecker-Zeitung“. Sehr lesenswert! Hier downloaden.
Der Katalog zur Ausstellung ist in der Nicolaischen Verlags­buchhandlung erschienen (ISBN 978-3894799373).

Wirklich faszinierende avantgardistische Architekturvisionen zeigte bis 6. April die Ausstellung im Berliner Martin Gropius Bau
WChUTEMAS – Ein russisches Labor der Moderne. Architekturentwürfe 1920 – 1930
Nähere Angaben zum Ausstellungskatalog (ISBN 978-3-00-047860-4) finden Sie hier.
Encore: Der digitale Monet

 


In jedem 20/21 Newsletter gibt es zum Abschluss eine Zugabe. Diesmal wollen wir Sie auf ein besonders gelungenes Juwel der Kunstvermittlung hinweisen. Zu verdanken haben wir es dem Städel-Museum in Frankfurt. Anlässlich der Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ hat das Städel ein sogenanntes Digitorial ins Netz gestellt, das Beispiel machen wird. Dabei handelt es sich, wie der Name schon andeutet, um ein digitales Editorial.

In einer Art Kurzdurchlauf wird die Entwicklung des Impressionismus anhand ausgewählter Bilder von Claude Monet, Berthe Morisot, Auguste Renoir und Camille Pissarro dargestellt. Die Möglichkeiten der digitalen Technik werden dabei voll ausgeschöpft. Bewegte Bilder werden eingeblendet, man kann zusätzliche Tondokumente abspielen, und man kann in die Gemälde hineinzoomen und so die typischen Maltechniken der Impressionisten wie in einer Makroaufnahme en detail studieren. Zeit- und kulturgeschichtliche Hintergrundinformationen sind in Kurz- und Langfassungen abrufbar. Geschickt wird dabei die nötige Balance gewahrt. Es werden genügend Fakten vermittelt, um Neugier auf mehr zu wecken - aber es bleibt auch genug ungesagt, damit in der Ausstellung noch viel Raum für eigene Entdeckungen bleibt. Das Städelsche Digitorial ist eine liebevolle, inhaltlich hochkonzentrierte und ästhetisch sehr ansprechende Hinführung an eine der schönsten aktuellen Ausstellungen. Alle Interessenten können sich per Smartphone, Tablet oder PC bestens darauf vorbereiten. Zur Nachahmung - ausnahmsweise - dringend empfohlen!

Hier können Sie sich selbst einen Eindruck verschaffen: monet.staedelmuseum.de